von Januar 21, 2014 2 Kommentare Mehr →

Meditation statt Ritalin: Ist das Quiet Time Programm von David Lynch die Lösung für gestresste Schüler/innen?

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Die Idee, Schüler/innen im Schulalltag regelmäßig meditieren zu lassen, statt sie mit Ritalin vollzustopfen oder sie gleich zum Psychologen zu schicken, weil sie vermeintlich verhaltensauffällig sind, ist eine gute Idee. Dem würden sicher die meisten zustimmen, auch wenn sie nicht besonders esoterisch veranlagt sind. Nicht nur dass es ihnen akut hilft, Stress zu bewältigen, sondern auch für das spätere Leben ist die Fähigkeit, sich auszuklinken und Ruhe in sich zu finden und damit die Kraft zum Weitermachen zu haben, ein wichtiges Gut. Besonders hilfreich kann dies für Kinder aus schwierigen Elternhäusern und sozialen Brennpunkten sein.

Uhr 600

In San Francisco wird seit einigen Jahren an Schulen mit dem Quiet-Time-Konzept experimentiert. Hierbei wird zweimal täglich mit einem Gong zur Ruhe gerufen. Die Schüler/innen meditieren unter Aufsicht der Lehrer/innen, und wer nicht teilnehmen möchte, widmet sich einer anderen stillen Beschäftigung wie Lesen, jeweils über einen Zeitraum von 15 Minuten. Mit der Einführung der Quiet Time erlernen auch die Pädagog/innen die Meditationstechnik von ausgebildeten Fachkräften.

Seit 2007 ist es bereits in der Visitacion Valley Middle School im Einsatz. Vorher hatte die Schule in einem sozialen Brennpunkt akute Disziplinprobleme, und verschiedene andere Lösungsversuche von Sport bis Sorgenberatung halfen wenig. Wie die Website SFGate berichtet, gab es bereits ein Jahr nach der Einführung von Quiet Time nur fast halb so viele Schulverweise wie vorher und damit eine der niedrigsten Raten in ganz San Francisco. Es gab fast kein Schulschwänzen mehr, und die Leitungen stiegen dramatisch. Die selben Ergebnisse wurden auch in anderen Schulen erzielt, in denen Quiet Time im Testversuch läuft.

Kritikwürdige Ideologie hinter der guten Idee

Ganz klar ist, dass diese Idee weitere Beachtung finden sollte. Aber es gibt auch einen Haken zumindest im aktuellen Konzept. Die Meditation ist nicht einfach so eine Entspannungsübung nach klassischem asiatischen Vorbild. Quiet Time wird von der David Lynch Foundation promoted, die sich wie der Meister selbst einer bestimmten Art der Meditation verschrieben hat – der Transzendentalen Meditation. Diese ist nicht ganz unumstritten. Hinter ihr steht eine Bewegung, die 1957 von dem Inder Maharishi Mahesh Yogi auf Grundage des Hinduismus gegründet wurde. Deren Ziel ist es, die Gesellschaft nach ihren Prinzipien umzubauen, was zu einer Verringerung von Leiden und zu mehr Glück für alle Menschen führen soll.

Auch wenn die Ziele sehr hehr sind, führt die Ausrichtung auf eine „Heilslehre“ immer zu einem Sektencharakter, und auch der nicht unbegründeten Sorge, dass die Gesellschaft unterwandert werden soll. Und genau diese Vorwürfe gab es gegen die Vertreter/innen der TM schon, die sich auch besonders gern im Bildungsbereich betätigen. Die Bewegung wurde auch politisch aktiv, so in den Naturgesetz-Parteien in Deutschland und Österreich. Diese fanden allerdings kaum Beachtung. Dem deutschen Raja Emanuel Schiffgens wurden sogar schon Faschismusvorwürfe gemacht, nachdem er auf einer Veranstaltung wirre Dinge von einem „unbesiegbaren Deutschland“ von sich gab. Als ein Zwischenrufer anmerkte, dass Adolf Hitler das auch wollte, antwortete der Raja: „Aber leider hat er es nicht geschafft.“ Invincibility, Unbesiegbarkeit, ist, wie sich Lynch, der anwesend war, später rechtfertigte, bei der TM tatsächlich ein etwas anderes Konzept als bei Hitler. Sie bedeutet hier eine Art allumfassenden Weltfrieden, in dem es keine „Negativität“ mehr geben soll – allerdings mit einer gehirngewaschenen, im Denkern vereinheitlichten Menschheit, „Kohärenz“, wie es Schiffgens nennt.

Meditation ohne Gurus zur Stärkung des kritisch denkenden Ichs

Andere Kritiker/innen halten die Vertreter/innen der Transzendentalen Meditation einfach nur für hochgradige Spinner/innen – auch nicht ganz haltlos, den viele ihrer Lehren sind sehr esoterisch. Das sind zum Beispiel die Leute die glauben, sie können fliegen, wenn sie nur genug meditieren. Das klingt lustig und harmlos, jedoch wurden mehrfach Vorwürfe erhoben, dass die Ausübung von TM bei labiler Persönlichkeitsstruktur zu psychischen Schäden führen kann.

Insgesamt ist es stark anzuzweifeln, ob es eine so gute Idee ist, die Freund/innen der Transzendentalen Meditation auf Schüler/innen loszulassen. Aber man sollte auch nicht gleich das Kind mit dem Bade ausschütten. Offensichtlich ist die Quiet Time ein grundsätzlich erfolgreiches Konzept. Und da sollte man ansetzen. Das Meditieren in den Schulen sollte auf ganz nüchterne Füße gesetzt werden. Die Prinzipien, die die Vertreter/innen der Transzendentalen Meditation entwickelt haben, sollten entsprechende Fachleute wie Psycholog/innen, neutrale Meditationslehrer/innen und Pädagog/innen genau anschauen und sie ohne Guru offen und ideologiefrei weiterführen.

So gibt es auf dem Blog Yoga on Holiday schon einige Überlegungen aus pädagogischer Sicht für jüngere Kinder: Hier wird vorgeschlagen, die Kinder auf „kurze Phantasiereisen“ mitzunehmen, die in Rituale wie einen Gongschlag, Glöckchen oder Sprüche eingebunden sind. Musik und Malen könnten ebenfalls eine Art Meditation und erhöhte Konzentration erzeugen. So könnten Kinder spielerisch in die Konzentration/Meditation geführt werden, ohne aktive Anstrengung oder Zwang.

Dagegen sagt die von der Lynch Foundation veröffentlichte Broschüre sehr wenig darüber, was eigentlich während der Meditation passiert und wie man die Kinder und Jugendlichen dazu bringt, ruhig zu werden und sich in sich zu kehren. Vielmehr beschreibt sie die Probleme und vor allem die Erfolge. Wenn letztere nur ansatzweise wahr sind – was nach anderen Behauptungen von TM unbedingt nachgeprüft werden sollte – dann ist es auf jeden Fall eine Idee, die dringend aufgegriffen werden sollte. Allerdings sollte man dabei jeden einseitigen ideologischen Einfluss ausschließen, mit Hinblick darauf, dass die Kinder zu kritischen Geistern erzogen werden sollen, und offen bleiben für viele Ideen, die sie immer wieder auf ihre Plausibilität und das Cui Bono hinterfragen. Meditation sollte allein der Entspannung und seelischen Stärkung dienen.

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2 Kommentare zu "Meditation statt Ritalin: Ist das Quiet Time Programm von David Lynch die Lösung für gestresste Schüler/innen?"

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  1. Felix sagt:

    Wallenberg High School of San Francisco canceled “Quiet Time” program effective 2014.

    Das Programm „Quiet Time“ wurde hier also 2014 wieder gestrichen – der Sektencharakter wurde wohl deutlich. Auch mit den positiven Ergebnissen wäre ich vorsichtig: Die Beurteilung ist nicht immer neutral.

    • Barbara Muerdter sagt:

      Danke für den Hinweis! Gut, dass sie es gemerkt haben. Schade allerdings, wie ich auch schrieb, dass dann immer gleich das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und kein Versuch unternommen wird, dass zu „verweltlichen“. Denn wenn ich die ungeprüfte Darstellung durch die Lynch Foundation auch in Frage stellen wird, ist es an sich ja ein erstmal interessant erscheinender Weg, Kinder über Meditation für das Erwachsenenleben zu stärken. Ohne Gurus.

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