Emmett Till und Trayvon Martin – Symbolfälle für die rassistische Justiz in den USA

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Viele US-amerikanische Social Media User änderten am Wochenende ihr Profilbild zu dem eines freundlich und neugierig dreinschauenden, adretten Jungen mit Hut im 50er Jahre Stil. Es war ein Protest auf den Freispruch von George Zimmerman, der am Abend des 26. Februar 2012 in Florida den unbewaffneten Jugendlichen Trayvon Martin erschossen hatte.

Der Fall hatte von Anfang an Schlagzeilen gemacht, da der Nachbarschaftswächter Zimmermann auf das in Florida sehr weitreichende Recht auf Selbstverteidigung (Stand Your Ground) pochte: Er habe sich von dem jungen Mann angegriffen gefühlt. Aufgrund dieser Aussage sollte es zunächst gar keine Anklage geben. Erst nach massiven Protesten wurde der Mörder vor Gericht gestellt. Von Anfang an sahen Beobachter/innen in dem Fall eine Fortsetzung der rassistischen Justiz, die in den USA eine lange Tradition hat, die bis heute anhält. George Zimmerman gilt trotz schwarzer Vorfahren und seiner ethnischen Einordnung als „Hispanic“ als Vertreter der weißen „Rasse“ (und sieht sich als solcher), Trayvon Martin war Afroamerikaner und trug zudem noch eine Kapuzenjacke. Für viele in rassistischen Stereotypen denkende US-Amerikaner reicht das aus, verdächtig genug zu sein, um als potentielle tödliche Gefahr wahrgenommen zu werden. Die Befürchtung, dass es sich hier um ein rassistisch motiviertes einseitiges Verfahren handelt, wurde nicht nur in dessen Verlauf, sondern nun auch durch das Urteil, den Freispruch in allen Anklagepunkten, bestätigt.

emmett till

So fühlten sich viele an den Mord an dem 14jährigen Emmett Till aus Chicago und dem darauffolgenden Prozess gegen dessen Mörder erinnert, der zu einem Symbol des Rassismus in den US-amerikanischen Südstaaten wurde. Till hatte im Sommer 1955 Verwandte in Mississippi besucht. Er war in der vergleichsweise liberalen Großstadt im Norden aufgewachsen und mit den in den Südstaaten verbreiteten Verhaltensweisen besonders auf dem Land nicht vertraut. Hier hüteten sich Schwarze noch vor jeder vermeintlich falschen Geste gegenüber Weißen und verhielten sich in ihrer Gegenwart unterwürfig, weil sie Lynchjustiz befürchteten. Als Till bei einem Einkauf in lokalen Laden der weißen Besitzerin keck zeigte, dass er sie attraktiv fand, ahnten seine Begleiter schon Schlimmes. Das geschah dann auch – wenige Tage später verlangten der Ladenbesitzer und sein Halbbruder von den Verwandten die Herausgabe des Jungen, um ihn zu bestrafen. Obwohl die Verwandten Geld boten, sich unterwürfig gaben und entschuldigten, wurde Till verschleppt. Kurz darauf wurde seine schwer misshandelte Leiche in einem Fluss gefunden.

Da in dieser Zeit die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung an Kraft gewann und sich Tills Mutter auch für eine Beerdigung in Chicago stark machte, wurde der Fall einer breiten Öffentlichkeit bekannt und eine symbolische Bedeutung. Tills Sarg folgten 50 000 Menschen, um gegen den Rassismus in den Südstaaten zu protestieren. Als besonders einprägsam wurde beschrieben, dass der Sarg in der Kirche offen war und jeder aus der langen Schlange an Menschen, die ihm die letzte Ehre erwies, sehen konnte, wie grausam das Kind zugerichtet war. Seine Geschichte erschien im Jet Magazine, einem populären Magazin für Afroamerikaner, und wurde bald nicht nur landes-, sondern weltweit von den Medien aufgegriffen.

Trotz aller Empörung und der riesigen öffentlichen Aufmerksamkeit auch beim Gerichtsprozess wurden die Mörder unter den abstrusesten Behauptungen freigesprochen. Die Zeug/innen der Anklage waren zuvor massiv bedroht worden – nur die Mutigsten sagten vor dem Gericht aus, wie Tills Onkel und seine Mutter. Diese hatte Berge an Drohbriefen erhalten und berichtete, dass bei jedem Weg durch den Ort Väter mit ihren teilweise noch kleinen Söhnen aus dem Fenster lehnten und sie unter Drohungen und Gelächter mit entsicherten Waffen bedrohten. Die Täter fühlten sich so sicher, dass sie nur wenige Monate später ihr Geständnis für 4000 US-Dollar an das populäre Look Magazine verkauften. Tills Mutter reiste seitdem bis zu ihrem Tod 2003 durchs Land, um über den Fall ihres Sohnes und den Rassismus in den USA zu sprechen. In den 2000ern griff der Filmemacher Keith Beauchamp den Fall für seinen Dokumentarfilm The Untold Story of Emmett Louis Till noch einmal auf, was zu einer erneuten gerichtlichen Untersuchung führte. Aufgrund seiner Recherchen geht Beauchamp von mindestens zehn Tatbeteiligten aus – als Hauptverdächtige gilt die Ladenbesitzerin, der Till damals hinterhergepfiffen haben soll.

Der Fall Emmett Till und die Proteste darum waren neben dem von Rosa Parks initierten Montgomery Bus Strike wenige Monate später der Beginn der landesweiten Bürgerrechtsbewegung, die die rassistischen Gesetze und die Segregation letztendlich hinwegfegte und formale Gleichberechtigung für Afroamerikaner schuf.

Durch die Abschaffung der formalen rechtlichen Diskriminierung wurde die Lebenssituation von Afroamerikaner/innen deutlich verbessert, im Alltag und in den beruflichen Chancen. Der strukturelle Rassismus und der Rassismus im Alltag, besonders in den Südstaaten, ließ sich jedoch nicht einfach durch Gesetze abschaffen. Haltungen wurden über die Generationen weitergegeben. So gab es vor kurzem einen Aufschrei als bekannt wurde, dass es bis heute in einigen Orten noch segregierte Schulabschlussfeiern gibt, obwohl seit den 1950ern die Schulen selber laut Gesetz nicht mehr nach Hautfarbe trennen dürfen. Der Schauspieler Morgan Freeman, der in Charleston, Mississippi lebt, finanzierte 2008 eine Schulabschlussfeier in seinem Ort, um die Jugendlichen gemeinsam feiern zu lassen. Die entstehenden Konflikte wurden in dem sehenswerten Dokumentarfilm Prom Night in Mississipi festgehalten, der die aktuellen Spannungen zwischen weißen und schwarzen Bewohner/innen widerspiegelt, sowie ihre unterschiedlichen Haltungen (anschauen).

Auch auf juristischer und staatlicher Ebene finden sich bis heute noch immer klare Belege für die Diskriminierung von Afroamerikanern. Prominent waren die Unstimmigkeiten bei der Wahl im Jahr 2000, bei der z.B. in Florida tausende Afroamerikanern aktiv bei der Abgabe ihrer Stimmen behindert bzw. diese nicht gezählt wurden. Auch die Zahlen der inhaftierten Afroamerikaner und die Schwere der Urteile sprechen noch immer eine klare Sprache von „Rassen“- und auch Klassenjustiz (ein paar Zahlen und Fakten hier). So wurde im vergangenen Jahr eine afroamerikanische Frau aus Jacksonville, Florida zu 20 Jahren Haft verurteilt. Sie hatte lediglich Warnschüsse auf ihren Ehemann abgeben, der sie nach ihrer Aussage bedroht hatte. Auch sie hatte sich auf das Stand Your Ground-Gesetz berufen, ihr Recht auf Selbstverteidigung.

Der Fall von Trayvon Martin wurde so zum Symbolfall für die andauernde Diskriminierung von Afroamerikanern in der US-Gesellschaft. Immer noch gelten schwarze Jugendliche als potentielle Gewalttäter, wie auch die Statistiken der umstrittenen Stop and Frisk-Praxis (Aufhalten wegen Verdacht auf eine Straftat) belegen – und ist der Straftäter weiß, kann er mit einem milderen Urteil rechnen. Das Gerichtsurteil am Samstag führte zu massiven Protesten, wobei die befürchteten unkontrollierte Gewaltausbrüche in den afroamerikanischen Communities ausblieben. Neben zumeist friedlichen Protesten äußerten sich viele mehr oder weniger Prominente kritisch zum Thema – zum Rassismus, der dem Urteil zugrunde liegt, und ebenso zum Thema Waffengebrauch in vermeintlichen Verteidigungssituationen bei sehr subjektiv gefühlter Bedrohung. Die Proteste führten dazu, dass der Fall noch ein Nachspiel hat: Bereits am Sonntag wurde bekannt, dass sich wohl im Rahmen einer Zivilklage das Justizministerium des Falls annehmen wird.

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