von Dezember 15, 2013 1 Kommentar Mehr →

Insekten als Nahrungsmittel – wo ist das Problem?

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Im Rahmen der Debatte um die Ernährung einer stetig wachsenden Weltbevölkerung kommen immer wieder Dinge ins Gespräch, wo der westlich geprägte Mensch „Igitt“ schreit. Das nicht immer unberechtigt, wenn man an genmanipulierte Pflanzen denkt, an industrielle Landwirtschaft mit Pestiziden und anderen Giften, Massentierhaltung, Gewächshäuser, in denen alles, was den Pflanzen zum Wachsen zugeführt wird künstlich ist – vom Licht bis zu den Nährlösungen, in denen sie gedeihen, oder auch die aktuelle industrielle Nahrungsmittelproduktion mit ihren diversen chemischen Beigaben. Am lautesten schreien einige Leute aber bei etwas, wo es grundsätzlich keinen anderen Grund gibt als unsere kulturelle Prägung: Der Verzehr von Insekten.

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Insekten als Nahrungsquelle für zwei Milliarden Menschen

Zwei Milliarden Menschen essen regelmäßig Insekten. Es sind inzwischen fast 2000 Insektenarten identifiziert, die für den menschlichen Verzehr geeignet sind. Die Orientierung auch auf diese Nahrungsquelle hat mit mangelndem Zugang zu anderen adäquaten Lebensmitteln zu tun, das Getier gilt aber auch als delikat und gesund. „Reiche Menschen haben Angst vor ihnen, arme nicht,“ sagen in der untenstehenden BBC-Doku die Teenager aus einem kambodschanischen Dorf, in denen frittierte Taranteln auf dem täglichen Speiseplan stehen. Sie leben in einer Region, in der es massive Unterernährung gibt – aber ihre gerösteten Taranteln, zu Reis serviert, finden sie auch wirklich lecker.

Was in anderen Kulturen durchaus begründet als gesunde Delikatesse gilt, wird bei uns mit Unsauberkeit, Giftigkeit oder generell einfach Ekelhaftigkeit gleichgesetzt. Westliche Wissenschaftler/innen, Köch/innen und Journalist/innen haben sich in den letzten Jahren intensiver mit Insekten als Nahrungsmittel beschäftigt: In der akademischen Forschung, über Reisen in Länder, in denen der Verzehr von Insekten als völlig normal gilt, in Selbstversuchen, in denen sie die eigenen anerzogenen Grenzen überwanden, und im Erproben alter und neuer Techniken der Zubereitung.

Insekten als umweltfreundliches und gesundes Nahrungsmittel für die Welt

Heraus kam, dass Insekten gute Lieferanten für Proteine, aber auch essentielle Fettsäuren und Mineralstoffe wie Zink. Eisen und Calcium sind. Zudem wären sie eine ethische Alternative dazu, höher entwickelte Tiere unter quälerischen Umständen zu halten und zu töten. Insekten vermehren sich auch schnell und verwerten ihre eigene Nahrung sehr effektiv. Für ein Steak mit dem gleichen Nährwert wie die entsprechende Menge Insekten werden 20 Mal so viel Wasser und Nahrungszufuhr für das zu verspeisende Tier benötigt. Insekten benötigen wenig Wasser und produzieren kaum Treibhausgase. Da sie Kaltblüter sind, verbrauchen sie allgemein weniger Energie.

Insekten als Straßenimbiss in Thailand // Foto: Wikipedia, User Takoradee

Insekten als Straßenimbiss in Thailand // Foto: Wikipedia, User Takoradee

In Thailand ist die Popularität von Insekten als Nahrung in den letzten 25 Jahren sogar so enorm gewachsen, dass sie noch einen ökonomischen und ökologischen Effekt auf ein Nachbarland hat, wie das BBC-Team herausfand: Da die eigenen Insektenfarmen, die wie Pilze aus dem Boden schossen, den Bedarf nicht mehr decken konnten, kamen Bauern im bitterarmen Kambodscha auf die Idee, die begehrten Grashüpfer aus ihren Feldern einzufangen und zu exportieren. So sparen sie nicht nur das Geld für die nicht nur umweltschädlichen, sondern für sie auch nahezu unerschwinglichen Pestizide, sondern schaffen sich noch ein profitables zusätzliches Einkommen. Eine Ökonomie, die nur in Zusammenhang mit Armut funktioniert, aber diese, auf andere Ländern in ähnlicher Konstellation übertragen auch ein wenig lindern könnte.

Die FAO, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO, beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Thema. Sie versucht jetzt auch in Kambodscha und Laos Insektenfarmen wie in Thailand zu etablieren, die das Einfangen weniger aufwendig und die Produktion deutlich effektiver machen würden. Zudem erfolgt die Produktion und Weiterverarbeitung in Kooperativen, also einer ökonomischen Produktionsform, in der diejenigen die Profite einstreichen, die auch die wirkliche Arbeit machen.

Auch in Europa und den USA wird Insekten-Essen zur Mode

Und wie das Getier ohne Brechreiz in den Magen bekommen, wenn man nicht von Kindesbeinen daran gewöhnt ist? Man kann das anerzogene Ekelgefühl beim Anblick gerösteter Sechs- oder Achtfüßler und die haptische Abneigung gegen beim Draufbeißen krachende Chitinpanzer oder kleine Füßchen zwischen den Zähnen überwinden, wenn man sich mit dem Thema näher befasst – Krabben, Shrimps u.ä. Seegetier isst man ja auch. Wer das nicht schafft, kann seine Küche auch einfach mit zermahlenen Insekten bereichern, die als gesunde Teiggrundlage oder Zusatz zu einer anderen Speise dienen können, die einen nicht anguckt oder zwischen den Zähnen kracht.

junikäfer

In den Niederlanden werden inzwischen, vorangetrieben von Marcel Dicke von der Universität Wageningen und subventioniert von der Regierung, drei Insektenarten für den menschlichen Verzehr gezüchtet: Heuschrecken und zwei Mehlwurmarten. Dazu kommt noch ökologisch und ökonomisch praktisch dazu, dass diese sich von Abfällen aus der Lebensmittelproduktion ernähren lassen. Auch der Franzose Cédric Auriol mit seiner Firma Micronutris gehört zu den Vorreitern.

Züchtung für Endverbraucher ist in Europa leider noch nicht der Normalfall (und soll auch von der EU aus vor 2016 nicht weiter betrachtet werden): Die Tiere schmecken frisch zubereitet laut der Kenner/innen am besten. Wer wagemutig und clever ist, macht sich die Erfahrungen und auch die Quellen der Reptilienfreund/innen hierzulande zu nutze und schafft sich ggf. dann sein eigenes nie leer werdendes Töpfchen wie in Der süße Brei an, d.h. eine eigene kleine Grillen- oder Raupenzucht.

Insektenkochbücher gibt es inzwischen auch schon auf Deutsch, und auf Englisch ist die Auswahl deutlich größer; auch im Internet gibt es reichlich Rezepte. Der Klassiker ist Eat a Bug. Das Problem ist dann eher die Beschaffung der Hauptzutat, auch wenn es in Dosen verpackt, gefriergetrocknet oder eingeschweißt schon einiges als Asien-Import gibt.

Man kann Insektenprodukte in Bestellshops wie Wüstengarnele oder dem Trau Dich Shop erwerben, oder eben direkt aus Asien, wie bei Thailand Unique. Man kann sie von einer vom Fachperson zubereitet in Restaurants bekommen. Allerdings sind die Listen wie hier oder hier noch recht kurz. Es gibt offenbar auch Probleme mit den Importbestimmungen, wie der Brady Snack Imbiss beklagt. Restaurants mit traditioneller Küche, in der Insekten eine Rolle spielen, setzen Insekten allerdings schon allein selten so etwas auf die Speisekarte, um die europäische Kundschaft nicht zu sehr zu verstören. Aber das kann sich bei entsprechender Nachfrage ändern – man denke an Sushi. Auch der Status als Arme-Leute-Essen, den das Getier hier in Europa ja auch sowieso nicht hat, kann sich schnell ändern, wenn es zur Mode wird. In Japan, wo Insekten auch bis auf wenige Ausnahmen wie Wespenlarven (auch in Europa das Verspeisen von Maikäfern regional üblich) nicht zum landestypischen Essen gehören, aber man tendenziell experimentierfreudiger ist, gibt es sogar schon seit fünf Jahren ein kulinarisches „Insekten-Festival„.

Termin:
Conference Insects to Feed the World , 14.-17. Mai 2014

 

TEDxAmsterdam: Marcel Dicke from TEDxAmsterdam on Vimeo.

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1 Kommentar zu "Insekten als Nahrungsmittel – wo ist das Problem?"

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  1. vossi sagt:

    Super Bericht!… schaut auch mal auf Facebook, hier gibt’s richtige Rezepte mit Insekten!
    ( https://www.facebook.com/snackinsects ) Hat jemand ’nen Tipp für einen Einsteiger?

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