„Essbare Städte“ und „Food Forests“ – Urban Gardening und neue kommunale Grünflächenkonzepte

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Die Idee ist so naheliegend dass man sich fragt, warum es noch nicht gang und gäbe ist. Vielerorts sind sie zufällig entstanden, weil Obstbäume und andere Nutzpflanzen verwildert sind, aber systematisch werden sie kaum angelegt: Parks und öffentliche Flächen, auf denen statt struppigem, oft nicht mal besonders hübschem Grünzeug essbare Pflanzen angebaut werden.

mirabellen baum

Das hat mehrere Gründe. Die naheliegendsten sind, dass viel städtisches Gesträuch robust und pflegeleicht ist und gerade deshalb zur Begrünung eingesezt wurde, es auch weniger zum Stibitzen und damit einhergehendem Vandalismus einlädt, und dass man sich einfach nie Gedanken um den Anbau von Lebensmitteln im städtischen Raum gemacht hat. Zudem hat man sich auf eine professionelle, dass heißt im Zweifel industrielle, Lebensmittelversorgung verlassen und war nach Notzeiten froh, dass man eben nicht mehr auf allen verfügbaren Flächen Essbares anbauen musste. Mit einem neuen Bewusstsein für die Probleme der Lebensmittelherstellung, wachsender Kritik an der Agrarindustrie und dem wachsenden Trend zum Urban Gardening entwickeln sich jedoch neue Perspektiven. So kommen auch städtische Träger in der westlichen Welt auf die Idee, solche „essbaren“ öffentlichen Grünflächen gezielt anzulegen und auch urbane Waldflächen in Food Forests umzugestalten, oft in Zusammenarbeit mit privaten Initiativen und Projekten, die im Zuge der Urban-Gardening-Bewegung von Detroit bis Caracas und Berlin entstanden sind, und in einigen Fällen öffentliche Fördergelder bekommen und von Uniprojekten begleitet werden.

Food Forrests für Ernährung, Umwelt, Erholung und sozialen Zusammenhalt

Eines der größten und bekanntesten Projekte ist der Beacon Food Forest im US-amerikanisschen Seattle, der 2009 von einer Studierendengruppe als Projekt entworfen wurde. Seit 2010 wird er von einem Landschaftsdesignerteam in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung umgesetzt, mit einem Startbudget von knapp 15 000 Euro aus einem städtischen Fond für kommunale Entwicklung. Auf knapp drei Hektar werden hier auf einer öffentlichen Parkfläche, aber auch kleinen privaten und kollektiv genutzten Gartenflächen Obst und Gemüse angebaut. Was im öffentlichen Teil wächst, kann jeder essen, der vorbeikommt und den nötigen Appetit mitbringt. Es soll sogar zum Naschen einladen, aber auch zum Sammeln von Beeren, aus dem man dann Marmelade oder Ähnliches selbst herstellt. Ziel ist es, die Anwohner einersetis mit dem Urban Gardening vertraut zu machen, ihr Interesse daran zu erwecken und ihre Fähigkeiten im Gärtnern zu schulen. Zudem soll hier frisches, lokales Obst und Gemüse zu angemessenen Preisen für das Viertel erzeugt werden. Gleichzeitig soll aber der öffentliche Parkcharakter erhalten bleiben, und der Food Forest soll auch ein Ort der Erholung sein.

„Essbare Städte“ als neues Grünflächenkonzept in Deutschland

In den USA entstehen derzeit eine Reihe ähnliche Projekte, wie der Southern Hights Food Forrest in Lincoln, Nebraska. aber auch in anderen Ländern wie Grßbritannien und auch Deutschland gibt es ähnliche Ansätze. Als erstes hat sich die Stadt Andernach in Rheinland-Pfalz dem Konzept „essbare Stadt“ verschrieben. Seit 2008 werden hier als Teil einer modularen und nachhaltigen Grünraumplanung auf öffentlichen Grünflächen Erdbeeren, Tomaten, Kartoffeln, Zucchini, Kürbisse oder Karotten gezogen. Die Idee ist hier, dass sich die Anwohner für ihe Stückchen Grünfläche auch selber verantwortlich fühlen – auch ein wichtiger sozialer Aspekt, der umgekehrt die Stadt ökonomisch entlastet, auch wenn sie finanzielle Hilfe bereitstellt. Das ist mal eine sehr positive Form der Public Private Partnerschaft, wo es nicht um Geld, sondern vor allem um Ideelles geht. So entsteht eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten. Ähnliche Projekte gibt es inzwischen u.a. auch in Freiburg, Halle, Heidelberg, Minden und Kassel, wo ein gemeinnütziger Verein die kleine Landwirtschaft zwischen Häusern und Straßen ehrenamtlich bewirtschaftet, berichtete vor kurzem die Neue Osnabrücker Zeitung.

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Anlass war, dass sich auch Osnabrück jetzt dieser Idee seit diesem Jahr angeschlossen hat.Vorgeschlagen hatten es die Piraten und die mit ihnen verbundene Unabhängige Wählergemeinschaft, und die Grünen und die SPD kamen mit konstruktiven Ideen. Nur CDU und die FDP hatten Vorbehalte, dass es eventuell höhere Kosten geben könne und dass sich niemand für die freiwillige Arbeit finden würde. Da spiegeln sich die eigenen Weltkonzepte und Menschenbilder.

Ron Finley hat es mit seiner Initiative in South Central LA bewiesen, dass Menschen bereit sind, sich in Urban Gardening Projekten zu engagieren, die zu einem Klientel gehören, denen es gemeinhin wenig zugetraut wird. Sie haben es gelernt, nicht nur mit Stolz zu gärtnern, sondern auch mehr Verantwortung für sich und ihr Umfeld zu übernehmen. So ist neben dem Ernährungs- und Umweltaspekt auch ein ganz wichtiger sozialer dabei, der jeder Stadt gut stehen würde. Auch ein neues Verständnis für Kreislaufkonzepte und Natur entwickelt sich durch eine konkrete Auseinandersetzung mit der Natur vor der eigenen Haustür. Dieses neue Bewusstsein kann den Städten ebenfalls nur helfen, z.B. bei Abfallkonzepten.

Friends of Beacon Food Forrest
„Essbare Stadt“ Andernach
(unvollständige) Übersicht „Essbare Städte“
Incredible Edible Bristol

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