Transition Town Vernetzungstreffen Berlin im Wedding – die sanfte Revolution

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In Berlin finden sich Mitglieder verschiedener Initiativen und andere Interessierte aus der Hauptstadt und der Region zwei Mal im Jahr zur Netzwerktreffen der Transition-Town-Bewegung zusammen. Diesmal fand es im Wedding statt – mit einem kleinen Rundgang durch das Viertel, um lokale Projekte zu besuchen.

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Die meisten der ca. 20 Teilnehmer/innen, die in den kleinen Vereinsraum in der Nähe des Leopoldplatzes gedrängt im Kreis sitzen, sind zwischen Mitte 20 und Mitte 30, ein paar ältere Gesichter sind auch dabei. Die meisten sehen ein bisschen alternativ aus, Hannes, der spricht, hat Dreadlocks, zwei Mütter kümmern sich um ihre Babys. Im Raum stehen Flipcharts mit den Tagesordnungspunkten, zur Vorstellung sollen die Teilnehmer/innen ein Blatt ausfüllen, wo sie auf spielerische Weise nach ihren Vorstellungen, Wünschen und ihren Projekten befragt werden. Viele sind aus dem Wedding, es gibt Aktive und Neugierige aus Friedrichshain und Pankow – die weiteste Anreise hatten die „Eberswalder“. Auch wenn an einem der Flipchartbätter über Diskriminierung aufgeklärt wird und die Einbeziehung verschiedener Bevölkerungsgruppen, sind die Teilnehmer alles weiße Mittelklässler. Alles wirkt auf angenehme, unaufdringliche Art sehr organisiert und klar. Man versteht sich auch untereinander, kommt aus einem Milieu.

Spaziergang durch ein altes Arbeiterviertel

Nach der Vorstellungsrunde geht es raus in die Vorfrühlingssonne. Hier gibt es noch einen richtigen Kiez, mit Häusern aus der Zeit um 1900, das klassische Arbeiterviertel. Offensichtlich ist man hier bis heute nicht besonders wohlhabend. Es gibt viele aufgegebene Ladenlokale, selbst in der angrenzenden Müllerstraße, der Hauptverkehrsader, in den Seitenstraßen Arme-Leute-Läden, ausländische Kulturvereine aus aller Herren Länder mit matten Scheiben, türkische und arabische Eckläden, verfallene oder nur dürftig in Stand gehaltene Fabriken und Häuser. Aber auch um den Leopoldplatz macht die Sanierung nicht halt, was schon an den steigenden Mieten und einigen schick gemachten Häusern zu sehen ist. Noch ist hier nicht der Hochglanz eingezogen, die Alternativszene gibt sich mit türkischen und arabischen Arbeitern die Hand.

Erste Station ist der Himmelgarten, eines von diversen Urban-Gardening-Projekten in Berlin. Eigentlich sollte es aufs Dach eines Kaufhauses. Da es an den Brandschutzbestimmungen hapert, sind die Beete in Holzkisten vorerst auf einer Brache untergebracht. Der Jahreszeit entsprechend sieht es recht kahl aus, aber im Sommer sei hier ein kleiner Urwald, wird uns berichtet. Zwei Drittel würde als Gemeinschaftsgarten genutzt, dessen Produkte vor Ort verkauft werden, oder an lokale Geschäfte. Auch rare Pflanzen, die kaum noch angebaut werden, würden hier gehütet und ihr kostbares Saatgut bewahrt und weiter gegeben. Das restliche Drittel werde verpachtet, gegen 60 Euro Jahresgebühr – die Warteliste sei lang. Ein Künstlerin hat ein „vepackungsarmes Café“ aus Stampflehm und Europaletten gebaut, bei dem allerdings noch eine Trinkwasserversorgung fehlt. Zumindest bis 2016 könne man die Fläche nutzen, wenn es mit dem Kaufhausdach doch noch klappt ggf. auch beide. Genug Interesse gäbe es, auch wenn die handtuchgroßen Beete für Menschen aus ländlicheren Gebieten eher ein Witz seien.

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Freiräume werden auch hier rarer

Aus den Räumen des Baumhauses, dem kommerziellsten der vorgestellten Projekte, musste schon ein Künstler weichen, um an den rarer werdenden Freiraum zu gelangen. Dem US-amerikanischen Investor konnte man nach zähen Verhandlungen einen Zehnjahresvertrag abtrotzen, der Bank auf Grundlage eines Businessplans einen Kredit. Aber es gibt aktuell auch noch städtische Förderung – später will man versuchen, auf eigenen Füßen zu stehen. In der kargen Fabrikhalle soll ein ökologisch gestaltetes Veranstaltungszentrum entstehen, dass zum Treffpunkt für nachhaltige Projekte werden soll – man will u. a. Platz für einschlägige Seminare und Treffen von NGOs anbieten.

Hier diskutieren die Teilnehmer/innen des Rundgangs einige Grundfragen, die die Träger der sich entwickelnden neuen Ökonomien bewegen: Wie kommerziell darf man sein, wie gemeinnützig muss man sein? Macht der Aufwand, Fördergelder zu beantragen, Sinn oder soll man lieber versuchen, sich selbst zu tragen? Wie konkret muss man die gemeinsamen Ziele in einem Projekt formulieren und diskutieren und wieviel Freiheit sollte es geben, seiner Euphorie einfach freien Lauf zu lassen? Wie bindet man Menschen mit unterschiedlichen Interessen, Fähigkeiten und auch zeitlichen Möglichkeiten, sich zu engagieren, am besten ein? Wie kombiniert man individuelles Engagement mit der Arbeit in einer Gruppe? Wie soll so eine Gruppen- und Strukturbildung von statten gehen?

Vernetzung der Neuen Ökonomien als zentraler Punkt

Ein zentraler Punkt ist die Vernetzung der diversen Projekte, die wie Pilze aus dem Boden schießen, oft spontan ohne jede Anbindung an andere Engagierte. Die Transition-Town-Bewegung mit ein paar Eckregeln bietet ein gemeinsames Dach, unter dem sich solche Projekte bündeln können, um Synergieeffekte zu erzeugen. Eine andere ist, sich in die Green Maps einzutragen, wo solche Projekte weltweit gesammelt werden. Wichtig sei auch die Einbindung von bereits existierenden Projekten, die schon immer nach sozialen und nachhaltigen Prinzipien gearbeitet haben, wie regionale Handwerker und Familienbetriebe, die oft in ökonomische Nischen gedrängt wurden und ums Überleben kämpfen. Dazu gehören auch Projekte aus früheren Ausbruchsbewegungen wie aus den 1970ern.

Einig ist man sich, dass es im Moment wieder eine Zeit der Euphorie für nachhaltige Projekte und auch ehrenamtliches Engagement für eine bessere Welt sei. Selbst Leute mittleren Alters, die sich bisher nirgendwo engagiert hätten fänden es spannend, Teil der neuen Bewegung zu seinen. Überhaupt gäbe es enormes Interesse von Menschen, die bisher noch nirgendwo aktiv sind. Eine Frau aus der Gruppe beispielsweise ist als Nachbarin dazugestoßen, die die Aktivitäten der Wedding-Wandler beobachtet hatte und selbst etwas tun wollte.

Dieses lokale Engagement vor Ort, wo man auf Projekte zugeht, auf einschlägigen Veranstaltungen die Aktiven trifft und sein eigenes Projekt vorstellt, wird oft mit der Nutzung des Internets über Websites und Social Media kombiniert, wo man sich ebenfalls vorstellen und vernetzen kann.

Lokale Lebensmittelretter/innen

Weiter gehen wir vorbei am Stadtbad Wedding, das seit einiger Zeit mit alternative Musikveranstalltungen auch Hipster aus der Mitte der Stadt anlockt. Der Sammelpunkt des Foodsharing-Projekts in einem intakten, beige gekachelten und recht großzügigen Verwaltungsgebäudekomplex aus den 1930ern, ist verschlossen. Hier residieren heute Künstler und Vereine – aber dem betreffenden Fairteiler-Verein sei gerade gekündigt worden. So sei man sich nicht sicher, ob hier noch gerettetes Essen abzuholen sei. So gibt es vor der Tür eine Einführung in die Foodsharing-Bewegung. Diese habe sich in den letzten Jahren professionalisiert, mit Vor- und Nachteilen.

Die Spontanität fehle etwas, dafür werden von den organisierten Helfer/innen, die einen Ausweis bekommen, bei diversen festen Kooperationspartnern Tonnen an noch essbaren Lebensmitteln abgeholt, die nicht mehr zu verkaufen sind und sonst im Müll landen würden. Es gäbe feste Verträge und einen Haftungsausschluss für die Partner, die nicht für eventuelle Lebensmittelvergiftungen verantwortlich sein wollen. Die geretteten Lebensmittel würden unter Freunden und an festen Abholpunkten, an denen es seit einiger Zeit auch Kühlschränke gibt, verteilt. Letztere werden auch gepflegt, um einen hygienischen Standard einzuhalten. Zu den Partnern gehören große Biolebensmittelketten, türkische Supermärkte, kleine Bäckereien und Märkte. In Verhandlung sei man auch mit den klassischen Supermarktketten. Man sehe sich ausdrücklich nicht als Konkurrenz zu den Tafeln, die ebenfalls feste Zulieferer hätten, und reichlich ausgestattet seien.

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Gemeinnütziger Lastenradbau

Wir laufen über ein alternativ genutztes Fabrikgelände, vorbei an der Wiesenburg Wedding, deren Gelände auch demnächst verkauft werden soll, wenn auch mit Auflagen, vorbei an einem trostlosen Lidl-Gelände und durch eine noch trostlosere Hauptstraße mit Schnäppchengeschäften. Die Nachkriegshäuser sind teilweise frisch grellbunt bemalt. An einem mausgrauen und völlig schmucklosen, aber ebenfalls neu verputzten Haus weist ein kleines, knallrotes Schild auf eine Moschee hin.

An einem 50er- oder 60er-Jahre-Flachbau hinter einem kleinen Park prangt schon von weitem die Aufschrift: Haus der Jugend. Hier ist die Stadt aktiv, bietet Veranstaltungen für die Kids aus der Umgebung an, aber auch Freiraum für Projekte. In den Kellerräumen, die früher zur Lagerung dienten, quetschen sich Proberäume neben eine Holz- und eine winzige Metallwerkstatt. Deren Raum wird dominiert von einer altertümlichen grünen Bohrmaschine Marke „Flott“ und ist mit diversen Metallteilen und Fahrrädern vollgestellt. Hier entsteht gerade ein neues Projekt: Lastenräder.

Der Prototyp ist an die XYZ-Spaceframe-Vehicles angelehnt, deren Open-Source-Pläne Hannes selber weiter entwickelt hat. Hier wird mit Schraubverbindungen gearbeitet, um das Problem mit dem Schweißen zu umgehen, das für Laien schwer zu bewältigen ist. Stolz wird der erste Rahmen herumgereicht. Zwar zieht sich alles länger als gedacht, aber man habe sich als ein gutes Team entwickelt und habe noch große Pläne: Dem Prototyp sollen nach der Erprobungsphase weitere selbstgebaute Lastenräder folgen. Beim Bau will man dann auch die Kinder und Jugendlichen aus den „Haus der Jugend“ einbinden. Die Räder sollen an passenden Transition-Town-Projekten im Viertel geparkt werden und über ein Verleihsystem nicht nur für die verschiedenen Initiativen, sondern auch Privatpersonen kostenlos ausgeliehen werden. Darüber sollen auch die Netzwerke gestärkt werden, weil man so miteinander zu tun hat.

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Nach der Rückkehr gibt es in den angemieteten Vereinsräumen noch drei Angebote: Der lokale Tauschring erzählt über sich, ein Upcycling-Workshop wird angeboten und wer nur noch Hunger hat und nicht mehr aufnahmefähig ist, kann in der Küche schnippeln helfen: Aus geretteten Lebensmitteln soll eine Suppe gemacht werden, die zum Abschluss an alle serviert wird. Es wird um eine Spende für die – geringe – Raummiete gebeten. Schon während des Spaziergangs hatte es einen regen Austausch der Teilnehmer/innen untereinander gegeben, der jetzt noch einmal vertieft wurde. Eine Stadtgärtnerin hatte auch noch Saatgut dagelassen, sorgfältig beschriftet und mit Anleitung, das ebenfalls Interessent/innen fand.

Galerie: Kleiner Spaziergang durch den Wedding


Website Wedding Wandler der Transition Town Gruppe Wedding

Hintergründe und Links zur Transition-Town-Bewegung

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